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Glockenschlag vom 23. Juni 2022

Die Farbe der Hoffnung

Am Dienstag hat der kalendarische Sommer begonnen. Nach dem heißen Wochenende mit rund 36 Grad kann ich nur bestätigen: Der Sommer ist da. Im Grünen habe ich mir an diesen Tagen Schattenplätze gesucht.

Grün steht ja gemeinhin für die Hoffnung. Ich halte sie in diesem Sommer für sehr passend: Der russische Machthaber macht mit seinem Angriffskrieg weiter, der rechtsextreme brasilianische Präsident sieht kein Problem im Abbrennen großer Teile des Regenwaldes und über das Thema „Hunger auf der Welt“ sprechen wir dann zu Weihnachten jedes Jahr aufs Neue. Wenn ich die Welt ausschließlich auf diese Art betrachte, fehlt mir da eine Menge grün. In den tagesaktuellen Nachrichten stehen die christlichen Kirchen vermeintlich auch nicht gerade für die Farbe der Hoffnung.

Wo bleibt also das christliche Grün?

Eine Menge davon war in der letzten Woche in Gernsheim bei uns in Groß-Gerau zu sehen. Zwischen dem 16. und 19. Juni kamen auf dem Jugendkirchentag tausende von jungen Menschen im Alter zwischen 13 und 27 Jahren zusammen, um gemeinsam zu feiern und sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit auseinander zu setzen.

Was ich an diesen jungen Menschen bewundere ist: Sie lassen sich von der Weltlage nicht herunterziehen. Sie gehen mit Leichtigkeit, Spaß und trotzdem einer ganzen Portion Ernsthaftigkeit die schwierigen Themen an.

Das macht mir Hoffnung.

Ich entdecke die Farbe Grün während der Sommergottesdienste in unseren Kirchen und mit dieser neuen Generation, die Kirche mit Sicherheit anders denkt und praktiziert – die aber eben da ist und sich weiterhin als Kirche versteht.

Deshalb singe ich auch weiterhin voller Freude das  Paul Gerhardt Lied ‚Geh aus, mein Herz und suche Freud‘, in dem es heißt:

„Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide.“

Ihr Pfr. Marcus Bahnsen, Evangelische Kirchengemeinde Gustavsburg

Glockenschlag vom 9. Juni 2022

Gott feiert mit uns

Am 2. Juni kamen noch vor dem offiziellen Start des Burgfests die Vereine zum SKB-Quizabend zusammen. Als Evangelische Gemeinde Gustavsburg waren wir auch dabei und haben uns bis zum Halbfinale gebuzzert – wir sind auf dem, wie ich finde, beachtlichen 4. Platz gelandet.

Das Burgfest findet traditionell am Pfingstwochenende statt. Die Eröffnungsworte am Quizabend passten für mich zu Pfingsten: Zwei Jahre war es nicht möglich zu solch einem Abend zusammen zu kommen. Zwei Jahre der Pandemie – eine Krisenzeit. Umso größer waren der Andrang und die Freude nun wieder zusammen zu kommen und gemeinsam zu essen, trinken, singen und sportlich fair gegeneinander beim Quiz anzutreten. Warum soll das zu Pfingsten passen?

Pfingsten ist auch aus einer Krisensituation heraus geboren. Als Pfingsten geschah, war Jesus aus Nazareth bereits seit mehreren Jahrzehnten am Kreuz gestorben. Die Auferstehung lag – bis auf wenige Tage –genauso lange zurück. Aber was war nun mit der angekündigten Wiederkehr Jesu? Sie stand noch immer aus. Die Menschen, die Jesus persönlich gekannt und erlebt hatten, waren hochbetagt oder bereits gestorben. Die Jesusanhängerschaft steckte in einer grundlegenden Krise. Und genau da setzt das Pfingstwunder ein. Der Geist Gottes, den wir bereits aus den ersten Zeilen der Bibel kennen, wird ausgegossen. Es ist genau jener Geist aus den ersten Versen der Bibel gemeint, der bei der Schöpfung über dem Wasser schwebte. Dieser Geist vereint die Jesusanhänger:innen aus ganz verschiedenen Ländern und führt zum gegenseitigen Verständnis. In der Bibel wird berichtet, dass sich Außenstehende über diese Menschen wunderten und meinten sie seien betrunken und am Lallen. Auch hierzu bescherte mir der Quizabend eine Brücke zur Pfingsterzählung: Eine Ratekategorie bestand darin, die vom Moderator rückwärts gelesenen Worte richtig herum auszusprechen. Meine norddeutschen Ohren waren allerdings mit der hiesigen Aussprache mancher Buchstaben dermaßen überfordert, dass sich ein buntes Wortchaos in meinem Kopf bildete. Die Aufgabe fiel aber nicht nur mir schwer und bald waren gemeinsame Lacher bei jedem Worträtsel vorprogrammiert.

Der Quizabend und das ganze Burgfest haben für mich zu Pfingsten gepasst: Wir sind uns dort begegnet. Es haben endlich wieder Menschen miteinander schwätzen können, die sich seit langer Zeit nicht mehr persönlich gesehen hatten. Und auch Menschen, die wie ich zum ersten Mal dabei sein durften, wurden direkt herzlich aufgenommen. Bei unserem ökumenischen Gottesdienst auf der Festwiese habe ich das angesprochen: Einer meiner Lehrer nennt den Heiligen Geist ‚Gottes Gespür für die Welt‘. Gott liebt uns Menschen und damit unsere Vielfalt. Durch den Heiligen Geist teilt Gott sich selbst der Welt mit. Und wir Menschen sprechen durch den Heiligen Geist in Gottes Innerstes. Da ist Platz für alles Schwere, aber auch für das Leichte und unsere Freude. Deswegen bin ich mir sicher: Wenn wir feierlich zusammen kommen, feiert auch Gott mit uns mit. Ich freue mich schon auf das Burgfest mit Ihnen im nächsten Jahr!

Ihr Pfr. Marcus Bahnsen, Evangelische Kirchengemeinde Gustavsburg

Glockenschlag vom 26. Mai 2022

Gedanken zu Christi Himmelfahrt 2022

Als Juri Gagarin Anfang der Sechziger Jahren als erster Mensch im Weltall war, stellte er – zurückgekehrt auf die Erde – triumphierend fest, im Himmel habe er weder Engel noch Gott angetroffen. Diese Feststellung eines überzeugten Atheisten zeugt von einem grandiosen Missverständnis. Der Himmel, den die Bibel als Wohnstätte Gottes kennt, ist nicht gleichzusetzen mit dem Firmament, dem blauen Himmel über uns; auch nicht mit dem Weltall, in das der Mensch immer tiefer einzudringen vermag. Der Himmel, von dem die Bibel spricht, ist der Ort der Gegenwart Gottes. Wenn die biblischen Texte davon sprechen, dass Jesus nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgefahren ist, dann ist dies keine Reise ins Weltall, kein Ort, der irgendwo außerhalb unserer bewohnten Erde zu lokalisieren ist. Der Himmel ist da, wo Gott ist. Wenn wir also von der Himmelfahrt Christi reden, dann wird damit nur gesagt: Jesus ist als Mensch bei Gott, seinem Vater.

Der Himmel wird dort ein Stück Wirklichkeit, wo Menschen versuchen, im Geiste Jesu zu leben. Der bekannte katholische Theologe Hans Küng hat einmal gesagt: „Die Himmelfahrt Jesu haben nur die verstanden, die nicht zum Himmel emporstaunen, sondern in die Welt gehen und für Jesus Zeugnis ablegen.“

Für uns gilt also: Wenn wir den Himmel suchen, müssen wir auf die Erde schauen. Wenn wir den auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Herrn suchen, dann werden wir von ihm an unsere Mitmenschen verwiesen, an seine Schwestern und Brüdern, an die Notleidenden, an die Kranken und Leidenden, in denen wir ihn finden können. Wir brauchen nur Ernst zu machen mit der Nächstenliebe, nur konsequent zu sein im Wohltun und geduldig im Verzeihen, und wir werden ein Stück jenes Himmels, den Jesus uns gebracht hat, an unserem jeweiligen Platz in der Welt erfahrbar machen.

Wo ist also der Himmel? Er ist nicht in unerreichbarer Ferne, weit weg von uns. Denn wo immer Menschen etwas Gutes tun, ist der Himmel zum Greifen nah, fängt der Himmel jetzt schon an.

Pfarrer Karl Zirmer, katholische Pfarrgruppe Mainspitze

Glockenschlag vom 12. Mai 2022

Streik der ErzieherInnen

In der letzten Woche rief die Gewerkschaft Verdi zu Streiks auf – in verschiedenen Bundesländern gingen Erzieher, Erzieherinnen, Sozialassistentinnen und Sozialassistenten auf die Straßen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Gut, dass wir in einem Land leben, in dem – endlich – auch klar die Bedingungen benannt werden, unter denen Kinder in vielen (öffentlichen) Einrichtungen pädagogisch betreut werden. Gut, dass unsere ganze Gesellschaft sich – notgedrungen – damit beschäftigen muss, was mit den Kleinsten unter uns passiert. Was sind uns die Kinder wert?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass viele Eltern immer weniger Zeit für ihre Kinder haben, weil sie z.T. mehrere Arbeitsstellen brauchen, um den Alltag zu finanzieren (Dach über dem Kopf, Essen gut und genug für alle, Teilhabe am kulturellen Leben). Das ist schlimm genug, aber ein anderes Thema. Wir haben uns daran gewöhnt, dass viele Familien zerbrechen und die Kinder lernen müssen, zwischen Mutter und Vater zu pendeln und ihr Zuhause „in sich selbst“ zu finden. Finden wir es hinnehmbar, dass die, die tagtäglich die Kinder betreuen, die einen Beruf ergriffen haben, weil ihnen besonders die „kleinsten“ Menschen wichtig sind, die sie auffangen, betreuen, fördern wollen, nur noch mit Frust zur Arbeit gehen? Oder aus Überforderung wochenlang krank sind und damit die personelle Situation noch verschärfen? Ist uns klar, was passiert, wenn immer weniger Menschen in die pädagogischen und pflegerischen Berufe gehen wollen?

Was sind uns die „Kleinsten“ wirklich wert? Ich träume (immer noch) von einer Gesellschaft, die es hinkriegt, dass das, was wir erwirtschaften, nicht in die Portemonnaies von Leuten wandern, die sowieso nicht mehr wissen, was sie damit anfangen sollen, sondern dahin fließt, wo es wirklich gebraucht wird und ein Segen für uns alle wäre: wenn wir dafür sorgen, dass die „Kleinsten“ gute Bedingungen, liebevolle und fördernde Zuwendung erhalten, dann muss uns das auch teuer sein, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Bedingungen für die Menschen, denen wir die Kinder für einen beträchtlichen Anteil ihrer Kinder-Zeit anvertrauen, die besten sind, die es gibt: Zeit, Persönliche Zuwendung, qualitativ hochwertige Entwicklungsmöglichkeiten.

In der Sozialwissenschaft gibt es den Begriff „Human-Kapital“. Wenn es so ist, dass die Menschen unseres Landes das wichtigste Kapital sind, das wir haben, dann ist es umso dringender, sich klar zu machen, was mit diesem Kapital passiert. Viel zu oft setzen wir da an, wo das „Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, stocken Sicherheitskräfte auf, weil Menschen ihre Aggressionen nicht im Griff haben und eine Gefahr für alle werden. Wenn wir kapieren, dass wir Geld in die Bundeswehr stecken müssen, dann sollten wir auch kapieren, dass wir Geld in die (Herzens-)Bildung von unseren Kindern stecken müssen – in bessere Rahmenbedingungen, bessere Bezahlung, gute Ausbildung von pädagogischen Kräften.

Und was können wir als Kirche tun? Räume schaffen, damit Kinder und Familien sich wohl fühlen und auftanken können. Es gibt viele Menschen, die sich – ehrenamtlich - dafür einsetzen, dass Kinder und Familien (nicht nur) in prekären Situationen gut aufgefangen werden. Was z.B. besonders an ehrenamtlichem Engagement für die Frauen und Kinder, die aus der Ukraine bei uns ankommen von Kommunen und Kirchen auf die Beine gestellt wird, ist einfach phantastisch, aber es sollte uns allen ein dauerhaftes großes Anliegen sein, dass die (öffentlichen) KiTas und Schulen die Rahmenbedingungen und das gute Personal bekommen, das sie benötigen.

Hiltrud Knodt, Gemeindereferentin in der katholischen Pfarrgruppe Mainspitze

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